• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Ein Albtraum aus Verzweiflung und Wahnsinn

„Alice im Wunderland“ kennt jeder, aber wo ist „Alice im Anderland“? Schon der Titel des Theaterstücks, das sich der Kurs Darstellendes Spiel unter der Leitung von Miriam Reus an der Albert-Schweitzer-Schule für sein diesjähriges Projekt ausgesucht hatte, warf Fragen auf. Fragen, die das Psychodrama um die an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidende Alice bis zum Schluss nicht klärte, was auch nicht dessen Absicht war. Vielmehr ging es darum, die Verwundungen von Patienten in einer Psychiatrie zu zeigen. Motive wie Sucht, Kriegstraumata, Kindstötung oder Verfolgungswahn wurden thematisiert, auch wie Gesellschaft und Medizin mit psychisch kranken Menschen umgehen. Starker Tobak also für die Schauspieler wie die Zuschauer, die sich das zweistündige Werk in der vergangenen Woche an drei Terminen in der Aula des Gymnasiums am Oberstufenstandort in der Krebsbach anschauen konnten.

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Ausgeliefert – auch den Ärzten: Alice und die Grinsekatze im Anderland.

Die Eltern der jungen Alice kamen bei einem tragischen Brand ums Leben; das Mädchen, das den Brand mit einer Kerze ausgelöst hatte, konnte gerettet werden, flüchtet sich aber in eine Traumwelt und gerät in die Nervenheilanstalt Ramstein-Miesenbach. Hier werden die Patienten überwiegend mit Medikamenten ruhiggestellt. Der Klinikalltag wird präzise vorgeführt, Krankheitsbilder von den Ärzten vorgestellt. Dieser Realität steht die Parallelwelt der Patienten gegenüber: Als Zerrbilder der aus dem Roman von Lewis Carroll bekannten Wunderlandfiguren tauchen die psychisch Kranken als Grinsekatze, Hutmacher oder Herzogin auf, Alice natürlich als Alice, und jeder lebt hier seine Traumata aus: der Kriegsveteran, der unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet, Alice mit ihrer Persönlichkeitsstörung, die Raupe mit ihrer Sucht, die Herzogin mit der Last, ihr eigenes Kind getötet zu haben, nicht zuletzt das Kaninchen, das unter Verfolgungswahn leidet, und in ständiger Panik über die Bühne flitzt, bis… Ja, bis es schließlich der bösen Seite dieses Szenarios zum Opfer fällt. In Gestalt der Herzkönigin nämlich malträtiert eine Pflegerin, assistiert von ihrem sadistischen Herzbuben, Nacht für Nacht die Patienten. Diese erfahren rücksichtslose Gewalt und sind gefangen in einer unbarmherzigen Realität (oder Scheinwelt?) voller Schikanen und Aussichtslosigkeit. Nach einer hoffungsvollen Gruppentherapie eines jungen, idealistischen Arztes beschließen sie, sich zu wehren und aus der Anstalt zu fliehen. Das arme Kaninchen wird geopfert, um an den Schlüssel der Herzkönigin zu kommen – auch unter den Leidenden haben Freundschaften offenbar keinen großen Wert. So muss der Plan misslingen: Als es darum geht, zusammenzustehen, verfällt jeder wieder in seinen eigenen Wahnsinn. Die Raupe versteckt sich in ihrem Cocon, der Kriegsversehrte humpelt vom Schlachtfeld, die Herzogin muss ihr totes Kind versorgen. Am Ende stehen nur Alice und die Grinsekatze der Herzogin und dem Herzbuben gegenüber. Alice weiß, sie wird das nächste Opfer der Herzkönigin sein, und zündet die Einrichtung an – so wie sie es schon einmal getan hat, wie das perplexe Publikum am Ende der Vorstellung erfährt.

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Zum Pflegepersonal gehören die böse Herzkönigin und ihr brutaler Helfer Herzbube.

Es war ein beklemmendes Szenario aus Phantasie und Wirklichkeit, das die 20 Schülerinnen und Schüler des DS-Kurses der Q2 präsentierten. Eingebettet in verfremdende dramaturgische Einfälle wie die Einspielung von Szenen aus dem Disney-Film „Alice im Wunderland“ und dem dieser Alice angepassten Erscheinungsbild der Bühnen-Alice, hinterließ es einen ungewöhnlichen Eindruck von skurrilem Witz und albtraumhafter Verzweiflung. „Eine ungewöhnliche Stückeauswahl für eine Schülergruppe“, gibt Kursleiterin und Regisseurin Miriam Reus zu bedenken. Überzeugt haben die jungen Schauspieler mit ihrer Aufführung aber durchaus. Nicht zuletzt, weil sie sich ihren Rollen, so absurd diese auch waren, völlig hingaben und ohne an ihre Mitschüler im Publikum zu denken, auf der Bühne die waren, die sie spielten, psychisch Versehrte auf allen Seiten. Eine großartige Leistung, die auch unter dem Publikum noch lange für Gesprächsbedarf sorgte.