• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Erwachsene Texte aus den Federn junger Autoren

„Das Herz des Deutschlehrers freut sich“ – Mit diesen Worten eröffnete Thomas Weidemann vom Fachbereich Deutsch der Albert-Schweitzer-Schule die Lesung der OVAG-Jugendliteraturpreisträger in der Aula der Max-Eyth-Schule am Dienstagmorgen. „Das Herz freut sich, wenn junge Leute zum Stift oder in die Tasten greifen, um zu schreiben, und erst recht, wenn es danach auch noch Lesungen von jungen Leuten für junge Leute gibt.“ Damit hatte Weidemann kurz und knapp zusammengefasst, um was es ging: Julian Klein von der OVAG hatte für die Alsfelder Station der OVAG-Lesetour drei junge Autorinnen mitgebracht, allesamt Preisträgerinnen des letztjährigen Wettbewerbs, die sowohl den Schülerinnen und Schülern der Max-Eyth-Schule als auch denen der Albert-Schweitzer-Schule ihre Werke vorlasen und über das Schreiben im Allgemeinen und Besonderen sprachen.

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„Das Herz des Deutschlehrers freut sich“ – Thomas Weidemann vom Fachbereich Deutsch der Albert-Schweitzer-Schule begrüßte Gäste und Vorleserinnen in der Max-Eyth-Schule.

Bürgermeister Stephan Paule, der dieser literarischen Matinée erfreut beiwohnte, dankte der OVAG für ihr Engagement, das den jungen Schreibern erst ermögliche, ihr Talent zu fördern und ihre Werke auch zu veröffentlichen. „Dinge kreativ zu Papier zu bringen, ist ein großes Talent“, betonte der Rathauschef und unterstrich die Bedeutung von Lesen, Formulieren und Schreiben auch für das Funktionieren einer offenen Gesellschaft ohne Unterdrückung.

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Kulturförderung als Leitmotiv – Julian Klein von der OVAG stellte den Jugendliteraturpreis vor.

Julian Klein erläuterte den anwesenden Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe das Procedere des Wettbewerbs, bei dem es nicht nur knapp 5.000 Euro zu gewinnen gibt, sondern auch einen Schreib- und Leseworkshop mit professionellen Autoren und Journalisten sowie die Veröffentlichung der Werke als Buch und Hörbuch. Die Bewerbungsfrist für den inzwischen 13. Wettbewerb läuft aktuell: Noch bis zum 15. Juli können sich junge Autoren mit ihren Texten bei der OVAG bewerben. Was dann dabei herauskommt, lasen Laura Prendota, Laura Nold und Katharina Clauss ihren Zuhörern vor: Geschichten, die Lust machten, das ganze Buch mit den Texten der insgesamt 24 Preisträger zu entdecken, so viel sei bereits verraten.

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Katharina Clauss, Laura Nold und Laura Prendota lasen in Alsfeld ihre Siegerbeiträge des Jugendliteraturwettbewerbs (von links).

„Hundeleben“ hieß die erste Geschichte. Laura Prendota hatte sie verfasst, eingeflossen sind darin die Erfahrungen, die die junge Frau nach ihrem Abitur während ihres FSJ in Ecuador machte. Einige ihrer kleinen Schüler zeigten deutliche Anzeigen von häuslicher Gewalt, manche sprachen oder schrieben darüber. In ihrem Text ist es zunächst eine junge Frau, die vor der Gewalt ihres Mannes in die Hütte eines Fremden, eines Deutschen flüchtet. Mit kurzen, prägnanten Sätzen beschreibt Prendota die Gefühlslagen ihrer Protagonisten, letztlich auch die Hilflosigkeit des Mannes, der einsehen muss, dass er weder die Frau noch deren Tochter vor der täglichen Gewalt schützen kann. Bedrückend, verstörend und schonungslos realistisch – ein sehr erwachsenes Werk, das die 19-Jährige hier präsentierte. Nicht minder nachdenklich war die zweite Geschichten, geschrieben und gelesen von Laura Nold. Sie ging der Frage nach, ob und wie eine Mutter den Selbstmord ihrer Tochter verkraften kann. Ganz langsam entwickelt sich die Geschichte vor den Zuhörern, nur zögerlich erfährt er, was passiert ist. Laura Nold interessieren die Fragen dahinter: Was bringt einen jungen Menschen dazu, sein Leben zu beenden, wo es doch mit 18 gerade erst beginnt? Wird man es verstehen können, wenn es ein Tagebuch gibt, in dem man lesen kann? Die Autorin nutzt häufig Metaphern und Vergleiche, wie „Das Warten wird zu einem Schatten, von dem man nicht weiß, warum er einem folgt.“ oder „…wenn die eigene Welt zu einem Schiff im Sturm geworden ist.“ Einen tatsächlichen Suizid nahm die 19-Jährige zum Anlass, diesen Text zu schreiben, einen Text über das Leben und das Sterben, das Trauern und Vermissen, über die Hoffnung und das Warten und über den Schmerz.

Einen Gegenpol zu diesen beiden Geschichten stellte das Märchen „Zweieinhalb Prinzen“ von Katharina Clauss dar. Mit ihren Protagonisten Mäxchen von Schlotterbein, das seinem Namen alle Ehre macht und viel lieber ein Prinzessin wäre, die vor einem Drachen gerettet wird, und Prinzessin Bella, die lieber ein wildes Jungenleben als ein langweiliges Mädchenleben führen würde, stellt sie die üblichen Geschlechterklischees nicht nur auf den Kopf, sondern schüttelt diese mehrmals kräftig durch, nur um sicher zu sein, dass am Ende doch wirklich alles anders ist als sonst in einem Märchen. Keine schlechte Methode, die lediglich dem schönen und mutigen Prinz Handsome im wahrsten Sinne des Wortes bitter aufstößt.

Drei einzigartige und schöne Texte hatten die Schülerinnen und Schüler in dieser Stunde gehört. Und wer weiß – vielleicht hat der eine oder die andere ja Lust bekommen, im nächsten Jahr mit einem eigenen Text auf den Bühnen der OVAG-Lesetour zu stehen.

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Bürgermeister Stephan Paule, Julian Klein und Thomas Weidemann rahmen die Literaturpreisträgerinnen Laura Prendota, Laura Nold und Katharina Clauss ein (jeweils von links nach rechts).