• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Hart umkämpft: die Stundenzuweisungen in der gymnasialen Oberstufe

Als Schule im ländlichen Raum möchte die Albert-Schweitzer-Schule ihren Schülerinnen und Schülern ein größtmögliches Angebot ermöglichen, um Nachteile zu den schulischen Wahlmöglichkeiten in Ballungsgebieten und größeren Städten auszugleichen. Das kostet Zeit, und die wird an Schulen gemessen in Lehrerstunden. Nun möchte das Hessische Kultusministerium davon welche in der Oberstufe streichen. „Dies könnte zur Folge haben, dass wir das Angebot, von dem unserer Schülerinnen und Schüler heute nachweislich profitieren, in dem Maß nicht mehr aufrechterhalten können“, fürchtet Schulleiterin Elisabeth Hillebrand und nutzte einen Besuch des Staatssekretärs im Hessischen Kultusministerium Dr. Manuel Lösel am Mittwochvormittag in Alsfeld, um ihm zu zeigen, wo ihre Schule die Schwerpunkte setzt und warum ihre Einrichtung unmöglich auf diese sich am Ende auf ca. zwei Lehrerstellen belaufende Kürzung verzichten kann. Als Besucher waren auch Annette Richter vom Staatlichen Schulamt sowie der Landtagsabgeordnete Kurt Wiegel und Bürgermeister Stephan Paule vor Ort.

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Was ihrer Schule wichtig ist: Schulleiterin Elisabeth Hillebrand mit ihrem Konzept für den ländlichen Raum.

Unterstützt bei ihren Bemühungen wurde die Schulleiterin vom gesamten Schulleitungsteam sowie einer Elternvertreterin und einer Abordnung der Schülervertretung. Und in der Tat war es ein großes Angebot, das die Schule dem Staatssekretär präsentieren konnte: die mit dem OloV-Siegel ausgezeichnete Berufs- und Studienorientierung, das Sprachenprofil, das es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen soll, bis zu drei Fremdsprachen zu erlernen und diese im internationalen Austausch auch anzuwenden, die Wahlunterrichtsangebote, die bis in die Oberstufe hinein der Profil- und Kompetenzbildung dienen, die kleinen Leistungskurs, die Neigungen und Interessen berücksichtigen, das Förderkonzept, das Schülerinnen und Schülern ermöglicht, schulische Probleme auszugleichen, das Angebot von G8 in G9, mit dem einem vorhandenen Interesse einiger Eltern und Schüler entsprochen wird, dem Fach Deutsch als Fremdsprache und nicht zuletzt den Sport- und Orchesterklassen.

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Aufmerksam verfolgen die Gäste die Ausführungen zu den Konzepten der Albert-Schweitzer-Schule (von links: Kurt Wiegel, Dr. Manuel Lösel, Stephan Paule, Annette Richter mit Christian Bolduan und Doris Roth von der ASS).

Jeden einzelnen Bereich stellte das Schulleitungsteam dar, stets mit Bezug zur Bedeutung für das Angebot im ländlichen Raum: die Berufs- und Studienorientierung ermöglicht den Einblick in Berufsfelder außerhalb Alsfelds und in Universitäten, das Sprachenangebot – Englisch, Latein, Französisch und Spanisch – unterstützt, ebenso wie die spezialisierten Angebote beispielsweise von Kunst- oder Musik-Leistungskursen die Neigung und Interessen der Schülerinnen und Schülern, wie man es sonst nur in größeren Städten findet. Mit dem Förderkonzept in der Schule werden die Schülerinnen und Schüler mit weiteren Anfahrtswegen entlastet, dazu ist der Unterricht von Fachlehrern qualitativ sehr hochwertig und wird von den Schülerinnen und Schülern gerne angenommen, wie Schulsprecherin Sophia Luise Zulauf erläuterte. Auch die geplante Integration von G8 in die neuen G9-Jahrgänge ist der gewünschten Angebotsvielfalt im ländlichen Raum geschuldet.

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Ein kleines Ständchen mit Hintergedanken: auch die Orchesterklasse profitiert von den Extra-Stunden.

Dr. Lösel – vor seiner Position im Ministerium als Lehrer und Schulleiter tätig – erwies sich als aufmerksamer Zuhörer, fragte nach und gab Anregungen. Besonders begeistert zeigte er sich, studierter Musikpädagoge, von dem Auftritt der Orchesterklasse, bei deren Zugabe er sich gleich selbst ans Klavier setzte. In der Sache blieb er dennoch hart: „Es ist gut, es ist zeitintensiv, es kostet Lehrerstunden“, resümierte er nach der Präsentation, wohlwissend, dass die Albert-Schweitzer-Schule angetreten war, um ihre Stunden zu kämpfen. Nicht zuletzt, weil ein Schreiben des zuständigen Ministers Prof. Dr. Alexander Lorz Hoffnung geweckt hatte, dass für Schulen mit „regionalspezifischen Besonderheiten“ andere Lösungsansätze als die Streichung der Lehrerstunden in der Oberstufe denkbar seien. „Wir sehen uns als solche Schule“, legte Hillebrand dar, „es kann nicht sein, dass die beschlossenen Maßnahmen für alle Schule gleich gelten.“ Ein Argument, von dem sich der Staatssekretär nicht beeindrucken ließ, schließlich habe auch eine Schule in Frankfurt oder Offenbach ihre Besonderheiten. Außerdem fehle, nachdem in der Vergangenheit großzügig mit Stundenzuweisungen umgegangen worden sei und obendrein die Schülerzahlen zurückgingen, schlicht das Geld für eine so komfortable Ausstattung. Die Begründung allerdings, dass das Ersparte nun in die mehr als notwendige Flüchtlingsarbeit fallen müsse, wies Hillebrand zurück: Der Beschluss zu den Einsparungen habe zeitlich weit vor der Zuwanderungswelle stattgefunden. Er finde es außerdem erträglich, so der Staatssekretär, wenn Oberstufenkurse mit durchschnittlich 16 bis 19 Schülerinnen und Schülern mit ein, zwei Schülerinnen und Schülern mehr besetzt würden. Und Beschlüsse wie etwa die für extrem kleine sogenannte „Neigungsleistungskurse“ könne die Schulgemeinde durchaus selbst fällen und müsse diese dann auch vertreten. Auch der Landtagsabgeordnete unterstützte seinen Parteigenossen hinsichtlich der Einsparungen, offenbar obwohl er früher im Kreistag dafür gestimmt hatte, sich mit dem Anliegen der Schulen an das Kultusministerium zu wenden. Für weitere Maßnahmen fehle das Geld, wenn man an der beschlossenen Schuldenbremse festhalten wolle, erklärte Wiegel.

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Elisabeth Hillebrand zeigte sich kämpferisch – sie will das Thema „ländlicher Raum“ weiter vehement verfolgen. Mit im Boot: Thomas Weidemann.

Zum Abschluss des engagiert geführten Gesprächs gab sich der Staatssekretär versöhnlich: „Ich nehme ihre Anregungen mit“, versprach er, räumte aber ein, dass es „nichts obendrauf“ gebe. Langfristig könnten evtl. aus dem G8-Angebot der G9-Mittelstufen Ressourcen frei werden, die dann wieder an die Oberstufen gegeben werden könnten, blickte Dr. Lösel in die – noch recht weit entfernt scheinende – Zukunft. Die Schulleiterin versprach im Gegenzug: „Ich werde das Thema ‚Ländlicher Raum‘ vehement weiterverfolgen. Einfach nach dem Rasenmäherprinzip alle Schulen gleich zu behandeln, kann hier keine Lösung sein.“

…noch sehenswert:

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Dr. Manuel Lösel kann es noch: der Musikpädagoge unterstützte die Orchesterklasse bei der Zugabe.

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Es war die Orchesterklasse, die die Gästeriege so erfreute!

Vor der Diskussion: ein nettes Zusammenkommen in lockerer Runde:

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Schulleitung und Gäste: Anette Richter, Elisabeth Hillebrand, Thomas Weidemann, Dr. Manuel Lösel (verdeckt: Holger Palm).

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…das weitere Schulleitungs-Team mit Bürgermeister und MdL: Christian Bolduan, Doris Roth, Mario Cimiotti, Stephan Paule, Kurt Wiegel.

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 …die SV: Marie Helene Decker, Victora Klieber, Fynn Oliver Schmitt, Sophia Louise Zulauf.

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…die Protagonisten: Elisabeth Hillebrand und Dr. Manuel Lösel.