• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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„Ich möchte, dass ihr versteht, warum wir hier sind!“

Als das beherrschende Thema dieses Jahres hat sich in den letzten Monaten die Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland erwiesen. Und das wohl noch für sehr lange Zeit und überall. Während in Alsfeld bisher – fast möchte man sagen – lediglich einige Asylbewerberunterkünfte und –wohnungen mit Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten belegt waren, steht seit einer Woche die Großsporthalle bereit, um 320 Menschen aufzunehmen, die ihre Heimat auf der Suche nach Sicherheit und einer Perspektive verlassen haben. Was bedeutet das für die Menschen, die kommen? Vor was flüchten sie? Und was erwartet sie in den Erstaufnahmeeinrichtungen? Welche Perspektiven haben die Flüchtlinge in Deutschland und wie kann die Bevölkerung ihnen helfen? Jede Menge Fragen, die Falk Miron, Moderator der aktuellen Runde an der Albert-Schweitzer-Schule seinen Gästen auf dem Podium und auch der Schulgemeinde stellte. Zu der Runde eingeladen waren neben Pfarrer Walter Bernbeck von Pro Asyl, Dominik Zutz, Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt, und Bernd Völker, Lehrer an der Albert-Schweitzer-Schule, der in Ziegenhain ein Haus für junge Flüchtlinge zur Verfügung gestellte hat, auch fünf junge Männer, die aus den Krisenländern Syrien und Afghanistan nach langer Flucht und traumatischen Erlebnissen in Deutschland angekommen waren. Auch eine Familie aus dem Irak, die mit ihren Kindern bereits vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen ist und deren Tochter nun die Albert-Schweitzer-Schule besucht, sprach zu den Schülerinnen und Schülern. Eine sehr verschieden besetzte Runde also, in der der junge Flüchtling Rajid Alkano das erste Wort hatte.

„Kein Syrer wäre hier, wenn es unserem Land friedlich wäre“, sagte er zu den Zuhörern. „Wir kommen nicht weil wir ein Haus oder ein Auto wollen, wir fliehen vor dem Krieg.“ Rajids Vater ist tot, berichtete er, über den Verbleib seiner Mutter weiß er aktuell nichts, seine Schwester ist inhaftiert. „Wenn hier ein Kind heranwächst, spielt es, geht zur Schule, hat eine Zukunft. In Syrien wird ein Kind, wenn es größer wird, zur Waffe greifen und in den Krieg ziehen“, machte er deutlich. „Ich weiß, wir stellen euch vor Probleme, aber ich habe nichts mehr. Ich möchte, dass ihr versteht, warum wir hier sind.“

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Von hundert Menschen in seiner Gruppe haben eine Handvoll überlebt. Vahid Rasan sprach mit Falk Miron über die Erfahrung.

Später berichtete der aus Afghanistan geflohene Vaihd Rasan über seine Flucht: Gestartet war eine Gruppe von etwa 100 Menschen. Nach einem drei Monate langen Marsch durch zehn Länder, stets bedroht, verfolgt und angefeindet, kamen am Ende eine Handvoll von ihnen in Deutschland an.

Es war eine aktuelle Runde an der Albert-Schweitzer-Schule, bei der es im Publikum keine Gespräche am Rand gab, die Konzentration war groß, die Herausforderung, die die im Moment riesige Zuwanderung von Flüchtlingen für die Gesellschaft bringt, scheint auch bei den Gymnasiasten angekommen zu sein. So hörten sie auch Pfarrer Bernbeck sehr aufmerksam zu, als dieser aus seiner langjährigen Tätigkeit bei Pro Asyl berichtete. Er skizzierte die Herkunftsländer der Flüchtlinge, allesamt geprägt von Krieg und Zerstörung. Er erzählte, dass die Weltgemeinschaft sich geweigert hatte, die nahe an Syrien liegenden Flüchtlingslager im Libanon zu unterstützen und damit alle, die noch irgendwie konnten, zur weiteren Flucht nach Europa veranlasst hat. Auch in der Türkei könnten die vielen Flüchtlinge nicht mehr länger bleiben und strömten nun alle weiter Richtung Westen und Norden. Er freue sich über die anhaltende Bereitschaft in der Bevölkerung, Flüchtlinge aufzunehmen, so Bernbeck, der mit vielen bewegenden Beispielen aus seiner Tätigkeit die Notwendigkeit dazu unterstrich. Der Angst in der deutschen Bevölkerung müsse man Aufklärung entgegensetzen, betonte der Pfarrer. Er sehe in dem gemeinsamen Leben mit Menschen aus aller Welt auch viele Chancen für die deutsche Gesellschaft. „Flüchtlinge“, so Bernbeck abschließend, „kommen voller Angst und schlimmen Erfahrungen. Und sie sind total von uns abhängig.“

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Pfarrer Walter Bernbeck

Über die Zustände in den Erstaufnahmeeinrichtungen berichtete anschließend Dominik Zutz. Auch in Notunterkünften wie der in einer stillegelegten Kaserne in Neustadt bemühe man sich um eine menschenwürdige Unterbringung der Flüchtlinge. In Zeltunterkünften und Turnhallen gestalte sich das schwieriger, räumte er ein. Notwendig geworden sei diese Praxis, weil die Flüchtlingszahlen sich in diesem Jahr dramatisch vervielfacht hatten und die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen an ihre Grenzen stießen. Zutz legte dar, wie die neuankommenden Flüchtlinge ausgestattet werden, welche Leistungen sie erhalten und welche nicht. Ihre Handys beispielsweise müssten sie von ihrem monatlichen Taschengeld, das bei maximal 143 € im Monat liegt, selbst zahlen. In der Erstaufnahmeeinrichtung warten die Flüchtlinge darauf, beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ihren Asylantrag überhaupt erst stellen zu dürfen. Dafür fallen häufig mehr als die veranschlagten drei bis sechs Wochen an, wie in der späteren Diskussion deutlich wurde. Problematisch sei, dass die Erstaufnahmeeinrichtungen, gerade auch die Notunterkünfte, keinerlei persönlichen Rückzugsraum böten, so Zutz. Das enge Zusammenleben von häufig schwer traumatisierten Menschen bringe daher auch Schwierigkeiten mit sich.

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Dominik Zutz

Mit großem Interesse verfolgten die Schülerinnen und Schüler danach die die Ausführungen von Bernd Völker, der seinen Erfahrungen bei der Vermietung seines Hauses an junge Flüchtlinge berichtete. Die Nachbarschaft hätte sich zu Anfang heftig dagegen gewehrt, berichtete er. Inzwischen aber kommen alle gut miteinander aus. Sogar ein „Unterstützungsverein für Toleranz und Menschenwürde“ trage das Projekt jetzt mit. Völker berichtete, dass der Kontakt mit den jungen Männern auch sein Leben verändert habe, da er sich selbst immer wieder um sie kümmere. „Ich bemühe mich um Integration, möchte ihnen ihrer Umgebung vertraut machen, ihnen bei ihrer Selbstorganisation zur Seite stehen und ihnen den deutschen Alltag erklären.“ Der Lehrer wünschte sich, dass auch an seiner Schule nun Projekte gemeinsam mit und für die Flüchtlinge ins Leben gerufen werden. Er könne sich beispielsweise Willkommensklassen nach Berliner Vorbild vorstellen.

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Ihsan Al-Asadi und Raghad Al-Badri sprachen über ihre Fluchtgründe aus dem Irak und ihr Leben in Deutschland.

Über ihre Flucht und ihre Integration in Deuschland berichteten Ihsan Al-Asadi und Raghad Al-Badri. Sie kamen im Jahr 2009 aus dem Irak, wo der Ihsan Al-Asadi sich für Menschenrechte und politische Bildung einsetzte. Als er dafür mehr und mehr bedroht wurde, floh er. Zunächst allein, später kam seine Familie nach. Die Tochter Nabaa besucht heute die Albert-Schweitzer-Schule. Die beiden Akademiker arbeiten heute als Packer und Putzfrau. Ihr Geld investieren sie statt in ihr eigenes Fortkommen in Deutschland lieber in die Zukunft ihrer Kinder. Auch nach sechs Jahren in Deutschland wünschen sie sich etwas mehr Entgegenkommen: „Als Ausländer werde ich oft als gefährlich eingestuft“, berichtete Ihsan Al-Asadi. Auch seine Frau, die aus religiösen Gründen ihr Haar mit einem Kopftuch bedeckt, wünscht sich mehr Kontakt zur deutschen Bevölkerung.

Was kann Schule, was kann die Albert-Schweitzer-Schule, was können Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler in dieser Situation tun? Elisabeth Hillebrand gab bekannt, dass ihre Schule in Zukunft Klassenräume und Personal für Deutschkurse zur Verfügung stellen möchte. „Alles natürlich auf freiwilliger Basis“, betont die Schulleiterin, die nun daran gehen will, ein geeignetes Konzept zu erarbeiten. Als eine weitere, wichtige Aufgabe von Schule sieht Schulleiterin Elisabeth Hillebrand die ständige Information und Aufklärung der jungen Leute. „Es wird ihr Thema bleiben“, ist sie sicher. Aufmerksamkeit und Interesse der Schülerinnen und Schüler geben ihr recht. Die nächste aktuelle Runde wird also nicht allzu lange auf sich warten lassen.