• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Keine Zeit verlieren

Dass man etwas tun muss, für die Menschen, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um in Europa vor Krieg und Zerstörung in Sicherheit zu kommen, das war vielen Schülerinnen und Schülern genauso wie Lehrkräften an der Albert-Schweitzer-Schule klar, als die Zahl der Flüchtlinge auch in Alsfeld stieg und im Herbst die Großsporthalle als Überlaufeinrichtung der Gießener Erstaufnahmeeinrichtung in Betrieb genommen wurde. Eine Aktuelle Runde an dem Alsfelder Gymnasium – eine regelmäßige Einrichtung an der Oberstufe zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen – verstärkte im Herbst diesen Wunsch, und was kann eine Schule wohl sinnvoller anbieten als Unterricht?

Gemeinsam mit Schulleiterin Elisabeth Hillebrand ersann man einen Plan: Wie könnte es gehen? Worauf muss man achten? Mit welchen Gremien muss man kooperieren? Woher könnten Mittel und Materialien kommen? Wen spricht man an? Wie integriert man den Unterricht in den schulischen Ablauf? Viele Stunden verbrachte gerade zu Beginn der Planungen die Schulleiterin am Telefon, am Computer, am Besprechungstisch. Doch trotz aller Arbeit war auch ihr von Anfang an klar: Dies ist der richtige Weg.

Oberstudienrat Falk Miron, Organisator der Aktuellen Runde, hatte zu dieser Zeit bereits in Fulda Erfahrungen im Deutschunterricht mit Flüchtlingen gesammelt. Es gab Materialien und Konzepte, ja, aber es gab auch große Schwierigkeiten. „Das größte Problem in Fulda war es, Räumlichkeiten und Personal zu finden“, wusste er und nutzte gemeinsam mit dem Schulleitungsteam der Albert-Schweitzer-Schule die Herbstferien, um ein Konzept für die Albert-Schweitzer-Schule zu entwickeln, denn sowohl Räume als auch Personal sollte es hier doch ausreichend geben.

Die Planungen dazu übernahm Konrektor Christian Bolduan, ausgebildeter Flüchtlingsbegleiter. Er schaufelte im Raumplan Räume im Oberstufenstandort der Schule frei, klärte die Dienste mit der Hausverwaltung, organisierte das „Kleingedruckte“, das, was man nicht sieht, aber gemacht werden muss. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit den Hilfsorganisationen in Alsfeld: Alle Angebote müssen an einer Stelle koordiniert werden, um den Überblick zu gewährleisten und Dopplungen zu vermeiden. Über die im Herbst noch in ausreichendem Maße in der Großsporthalle zur Verfügung stehenden Dolmetscher machte die Schule ihren Plan publik. Interessenten trugen sich in Listen ein, und zu einem ersten Treffen in der Albert-Schweitzer-Schule erschienen Anfang November 90 Flüchtlinge und 30 Schülerinnen und Schüler der Oberstufe sowie Lehrkräfte der Schule, die sich für den Deutschkurs interessierten. Gleichzeitig rief die Schule zu zweckgebundenen Spenden auf, um Lehrmaterial bereit zu stellen. Und dann hieß es: keine Zeit verlieren.

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Einen Becher voll Apfelsaft bestellen – das geht auch ohne Worte in der Kinderbetreuung der Albert-Schweitzer-Schule.

„Denn genau darum geht es“, so die Erfahrung von Falk Miron. „Die Menschen sitzen in den EAEs und wollen gerne etwas machen. Und Deutsch lernen ist so wichtig für sie, wenn sie hier Fuß fassen wollen.“ Die Albert-Schweitzer-Schule sieht ihr Angebot daher auch keineswegs als Konkurrenz zu den Sprachkursen für Menschen, die ihren Asylantrag gestellt haben und nicht mehr in EAEs, sondern in Regelunterkünften wohnen. „Wir sprechen nur die Menschen in den EAEs an und vermitteln erste Basics. Es geht viel über sprechen und wiederholen, Vokabeln und Silben lernen.“ In diesem Angebot steckt aber auch die große Herausforderung: Die Fluktuation in den EAE’s ist naturgemäß hoch, da die Menschen dort nur bleiben sollen, bis sie ihren Asylantrag gestellt haben. Manchmal werden sie innerhalb dieser Frist auch noch von einer EAE in die andere verlegt, sodass es schwer ist, Kontinuität zu erreichen. Dennoch ist dieses frühe Angebot Deutsch zu erlernen wichtig. Auch deshalb, weil es eine Struktur in den Tag bringt, die Menschen dazu auffordert, Regeln einzuhalten und auch zu lernen, wie Deutschland tickt. „Es wurde zum Beispiel der Wunsch an uns herangetragen, die Kurse nach Nationalitäten einzuteilen“, so Miron, „das haben wir aber abgelehnt.“ Die Menschen sollen lernen, zusammenzuarbeiten, sich gegenseitig unterstützen und zu respektieren. Viele der aktuell 120 Kursteilnehmer sind Männer im Alter von 19 bis 25 Jahre. Sie stellen den größten Anteil an Flüchtlingen. Aber auch Frauen sind unter den Deutschlernenden. Da die Albert-Schweitzer-Schule zeitgleich mit den Kursen eine Kinderbetreuung anbietet, nutzen auch sie das Sprachangebot, und für die Kinder ist das gemeinsame Spielen und dabei ganz nebenbei auch Deutschlernen eine gute Gelegenheit, der Tristesse der Großsporthallen zu entkommen. Das ist es auch für die Erwachsenen. Sie würden gerne jeden Tag kommen, um schneller mehr zu lernen. „Doch das können wir aktuell nicht leisten“, räumt Miron ein. Mit 22 Oberstufenschülerinnen und einigen Lehrkräften bietet die Schule derzeit sieben Kurse an, jeder Kurs findet zweimal anderthalb Stunden statt, und alle arbeiten ehrenamtlich. Auch für die Schülerinnen und Schüler keine einfache Aufgabe neben ihren schulischen Verpflichtungen. Doch es bereitet ihnen Spaß, das merkt man. Geduldig erklären sie immer wieder, lassen nachsprechen, beantworten Fragen. Was in der englischsprechenden Gruppe sicher einfacher ist als in den Gruppen, in denen die Menschen keine europäische Sprache sprechen, mitunter nicht einmal das europäische Alphabet beherrschen. „Das bedeutet aber nicht, wie fälschlicherweise oft behauptet wird, dass die Menschen Analphabeten sind“, betont Miron. „Sie beherrschen das arabische Alphabet, manche auch das griechische.“ Dann schreiben sie das Erlernte in ihrer Lautsprache auf. Die Arbeitsmaterialien dürfen sie mit nachhause, sprich mit in die Großsporthalle, nehmen, um dort weiter zu üben. „Natürlich finden wir erst im Verlauf der ersten Wochen und Monate heraus, ob es Dinge gibt, die verbessern können“, sagt Falk Miron, „aber wir sind jetzt gut aufgestellt.“

Ausschlaggebend für die Nachhaltigkeit dieses Projekt wird sein, wie gut die Ehrenamtlichen bei der Stange bleiben. „Daher ist es ganz wichtig, das Gemeinsame, Schöne dieser Aktion zu betonen.“ Am Dienstagabend war dies ein Konzert mit dem Alsfelder Liedermacher und Ex-ASS-Schüler Manuel Kluth. Direkt im Anschluss an die Deutschkurse waren alle Flüchtlinge mit ihren Familien und alle beteiligten Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler in die Aula am Oberstufenstandort eingeladen – die Getränke gesponsert von der Stadt Alsfeld, die wiederum mit Monika Kauer und Heinrich Muhl vertreten war. Alle lauschten zunächst der mitreißenden Musik von Manuel Kluth, bis schließlich die Gäste das musikalische Zepter in die Hand nahmen und zu heißen arabischen Rhythmen auf der Bühne gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern Tanzbein und Hüften schwangen – ein ungewohntes Bild, auch in einer lebhaften Schule wie der der Albert-Schweitzer-Schule. Ein Bild auch, das kurz vergessen ließ, was die Flüchtlinge hinter sich haben. Ein Bild, das für Willkommenskultur und Erwünschtsein stand, für die starke Hoffnung auf eine Zukunft, in der verschiedene Kulturen nebeneinander Platz haben. Punkt 18 Uhr war die kleine After-School-Party in der ASS zu Ende. Die Essensausgabe in der Großsporthalle wollte man sich dann doch nicht entgehen lassen. Die Gäste halfen noch beim Aufräumen und Stühle hochstellen; einen kurzen Moment lang hatten sie es schön gehabt…

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Der Unterricht an der Albert-Schweitzer-Schule soll auch in den bevorstehenden Weihnachtsferien nicht ausfallen. Das Team der ASS bietet dann Blockunterricht in der Großsporthalle an, und nach den Ferien soll, falls möglich, eine achte Gruppe aufgemacht werden. „Dazu brauchen wir dann auch wieder weitere Geldspenden und Freiwillige“, wirbt Miron, der besonders interessierte Oberstufenschüler anspricht. Von dem Unterricht profitieren definitiv nicht nur die Flüchtlinge selbst: Gerade die jungen „Lehrer“ sehen darin eine große Chance zu helfen und auch ihren eigenen Horizont zu erweitern. Und außerdem, so die beiden Oberstufenschülerinnen Jil Eichhorn und Mascha Reiter, „ist es schön, den Menschen zu zeigen, dass sie willkommen sind.“

Das Organisationsteam der Albert-Schweitzer-Schule hofft, dass dieser Unterricht Anregung für andere Schulen und Einrichtungen sein kann, selbst ein Angebot für Flüchtlinge zu entwickeln. Es ist mühevoll, vielleicht, aber es ist eine Investition in die Zukunft.