• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Natur, Kultur, Freundschaft und eine große Katastrophe

Es war sein großer Wunsch – ein Austauschjahr in Südamerika! Julian Jäger, Schüler der Albert-Schweitzer-Schule, setzte alles daran, diesen Traum zu erfüllen und bewarb sich bei Rotary International um eine Teilnahme am Jugendaustauschprogramm der Rotarier. Am 21. August 2015 ging sein Flieger nach Ecuador. Acht Monate seines Austauschjahres sind nun vorbei – in einem Brief an die Schule berichtet er von seinen Erlebnissen.

Sehr geehrte Frau Hillebrand,

zuerst einmal möchte ich mich bei Ihnen bedanken. Mir wird hier, durch die Freistellung für das laufende Schuljahr zu Hause, eine super tolle und spannende Reise geboten, die mich für mein ganzes Leben prägen wird. Ich darf so viele beeindruckende Erfahrungen machen. Das alles wird mir in Form von Erinnerungen und Bildern noch lange im Gedächtnis bleiben.

Angefangen bei der spanischen Sprache, die in sehr vielen südamerikanischen Ländern mit heftigsten, unterschiedlichen Dialekten gesprochen wird. Des Weiteren die einzigartige und atemberaubende Natur, wie man sie nur in Südamerika, insbesondere in Ecuador, findet. Tiefster, durchgängig grüner Dschungel im Amazonasgebiet, das Naturparadies der Galapagosinseln, die von Legenden umwobenen und von Vulkanen durchzogenen Anden und zu guter Letzt die Küste, mit ihren wunderschönen Stränden und vielen kulinarischen Köstlichkeiten. Das alles, und noch viel mehr, hat die im Nordwesten Südamerikas am Pazifik gelegene Republik Ecuador zu bieten.

Das sehr herzliche und überwiegend katholische Volk Ecuadors heißt Touristen aus aller Welt herzlich willkommen und verwöhnt sie mit Tänzen, die einen die Kultur leichter verstehen lassen, oder den verschiedensten Gerichten mit regionalen Zutaten. Viele Nahrungsmittel aus Ecuador gibt es auch zu Hause in Deutschland. Ob es nun der Thunfisch aus der Küstenstadt Manta ist (Manta hat den größten Hafen für Thunfischfang weltweit!), oder der Kakao und die Bananen, die hier mitten im Grünen auf Farmen angebaut werden, um sie anschließend größtenteils zu exportieren.

Auf anderen wirtschaftlichen Gebieten schwächelt dieses facettenreiche Land allerdings. Die Infrastruktur ist ausreichend, aber noch verbesserungswürdig, Erdöl wird exportiert, aber Treibstoff importiert. Immer wieder fallen mir auch große Mängel bei der Müllentsorgung auf, besonders beim Plastikmüll, der größtenteils nicht recycelt wird oder einfach nur auf der Straße herumliegt. Das geht besonders zu Lasten der Strände und des Meeres.

Acht Monate meines Austauschjahres hier in Ecuador liegen nun schon hinter mir und es war bis jetzt in jeder Hinsicht erfolgreich. Derzeit haben wir für drei Monate Ferien und es ist mir nicht langweilig. Ich gehe mehrfach in der Woche zu Tischtennisworkshops und zum Schwimmtraining. Ende April geht es dann wieder zur Schule, auf eine der vielen Privatschulen hier in Ecuador. Es ist ganz anders als in Deutschland, da die Lehrer, sollten die Schüler unzufrieden mit ihnen sein und sich zu häufig über sie beschweren, in Gefahr sind, ihren Job zu verlieren. Das wirkt sich natürlich auch auf den Umgang der Lehrer mit den Schülerinnen und Schülern aus. Wir sind hier an der teuersten Schule in Portoviejo, wo die Eltern natürlich nur das beste Personal für ihre Kinder verlangen und immer im engen Austausch mit der Schulleitung sind. Sonst ist es aber ähnlich wie in Deutschland. Es gibt Computerräume, normale sowie aktive Digitalboards, einen Kiosk, und einen großen Pausenhof. Um die Sicherheit für alle Kinder zu garantieren, ist das gesamte Gelände mit einer riesigen Mauer umgeben, was aber eigentlich gar nicht stört. Auch unsere Klassenkameraden sind so nett, dass wir sie wohl nie vergessen werden.

Gerade die letzten Monate waren wirklich toll. Ich habe mit gut eingelebt und bin immer mehr fasziniert von der wunderschönen Natur dieses Landes. Das Gefühl von Heimweh überkommt mich nur sehr selten und ich denke, der Tag meiner Abreise hier wird ganz schön traurig für mich. Begleitet von 15 anderen Austauschschülern aus Frankreich, Kanada, Belgien, der Schweiz, Deutschland und Brasilien, erlebe ich hier wie in einer großen Familie das Abenteuer Kulturaustausch.

Während des Austauschjahres muss ich einmal meine Gastfamilie wechseln. Dies ist eine Regel, die von Rotary International, meiner Austauschorganisation, so festgelegt wurde und sich offenbar gut bewährt hat. Bei beiden Familien (der Wechsel fand im Januar statt) wurde ich sehr gut aufgenommen. Dadurch fühlte und fühle ich mich sehr wohl und genieße jeden Tag die liebevolle, südamerikanische und durchaus sportliche Kultur.

Mit etwas Wehmut gehe ich in die letzten Monate, die mir hier noch bleiben und hoffe natürlich inständig, dass sich im nächsten Schuljahr genug interessierte Mitschüler finden, um einen Spanisch-LK zu starten.

Herzliche südamerikanische Grüße aus dem durchgängig 30 Grad heißen Portoviejo an die gesamte ASS: die Schulleitung, alle Lehrer und Schüler und ganz besonders an meine Freundinnen und Freunde.

Julian Jäger

Kurz nachdem die Schule dieser Brief und die Fotos erreicht hatten, erschütterte die Nachricht vom Erdbeben in Ecuador die Welt, ganz besonders natürlich auch die Alsfelder Freunde und Familie von Julian, der sich in Portoviejo mitten im Erdbebengebiet aufhielt. Noch am Abend des Unglücks – hier war es vier Uhr morgens – meldete er sich bei seiner Mutter und ließ sie wissen, dass es ihm und seiner Gastfamilie gutgehe. Bei dem Erdbeben kamen nach neuesten Meldungen mehr als 650 Menschen ums Leben. In und um Portoviejo wurde der Ausnahmestand verhängt. Wasser und Nahrungsmittel sind rationiert, Nothilfen sind angelaufen. In dieser Situation hat Rotary International alle seine Austauschschüler aus dem Erdbebengebiet ausgeflogen und bei Gastfamilien in der Hauptstadt Quito untergebracht.

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Unsere Schule heißt Cruz del Norte (Kreuz des Nordens). Dieses Bild entstand nach Schulende mit zwei Freundinnen aus der Schweiz (l.) und Deutschland (r.).Es herrscht Uniformpflicht und es gibt nur einen Haupteingang.
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Dieses Bild wurde in dem Dorf ,,Pilaló“ aufgenommen, welches die Küste von den Anden trennt – mein Lieblingsort. Zu sehen ist meine erste Gastfamilie: Diana (Schwester), ich, Remigio (Vater), Lina (Mutter) und Emily (Schwester), v.l.n.r. Das Foto wurde im Januar aufgenommen.
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Eins meiner Lieblingsbilder: Wieder vor einem inaktiven Vulkan mit Lagune und einer Insel. Es ist ein Gruppenbild mit fast allen Austauschschülern aus der Provinz Manabi. Brasilien, Kanada, Frankreich, Belgien, die Schweiz und natürlich Deutschland werden auf diesem Bild vertreten. Wir haben uns als Andenken Pullover machen lassen, die wie auf diesem Bild tragen.