• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Nicht das Internet ist das Problem, sondern die Nutzer

Ein unvernetztes Leben, also ein Alltag ohne Internet, ist heute kaum mehr möglich. 80% aller Deutschen sind täglich oder regelmäßig online. Bei Kindern und Jugendlichen beträgt der Anteil so gut wie 100%: Ab 10 Jahren sind fast alle online, 85% aller Zwölfjährigen besitzen ein Smartphone. Das Internet bietet viele Möglichkeiten, aber auch viele Gefahren. Es zu verteufeln bringt nicht viel, viel eher ist der richtige Umgang damit die Lösung von vielen Problemen, auf die gerade Jugendliche bei der Internetnutzung stoßen. Diesem Thema widmete sich nun ein ganzer Abend, organisiert von der Albert-Schweitzer-Schule gemeinsam mit dem Elternbeirat, denn – so viel stand von Anfang an fest: Den richtigen Umgang mit Smartphones und Co. lernen Kinder sowohl im Elternhaus als auch in der Schule.

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„Das Thema Internetnutzung ist komplex geworden“, führte Schulleiterin Elisabeth Hillebrand ein. „Im Internet öffnet sich die ganze Welt. Dem gegenüber steht der Bildungs- und Erziehungsauftrag von Schule und Eltern.“ Was diese beiden Institutionen tun können, um einen Missbrauch der Möglichkeiten zu verhindern, beleuchteten an diesem Abend vor einem großen Publikum in der Aula des Oberstufenstandortes der Albert-Schweitzer-Schule in der Krebsbach ein IT-Profi, ein IT-Anwalt, ein Vater von fünf Kindern und zwei Lehrer des Gymnasiums.

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Sebastian Koine

Mit Sebastian Koine machte ein ehemaliger Schüler der Albert-Schweitzer-Schule und angehender Lehrer den Anfang. Er präsentierte den Eltern die vielfältige Welt der sozialen Medien: Facebook, WhatsApp, Snapchat, Instagram, YouNow, Twitter und YouTube hatte er unter zahllosen Anbietern ausgesucht. Die großen sozialen Netzwerke wie Facebook, WhatsApp und YouTube waren den meisten Eltern noch bekannt, wahrscheinlich mit ein Grund dafür, dass die Jugendlichen heute viel mehr auf Snapchat oder Instragram unterwegs sind. Koine zeigte die positiven Seiten der Netzwerke auf, benannte aber auch die negativen. Und er wies auf Dinge hin, die vielen Nutzern und deren Eltern nicht bewusst sind: Snapchat beispielsweise zeigt gesendete Bilder und Videos nur kurz, dann sind sie für den Adressaten nicht mehr zu sehen. Mitgefilmt oder abfotografiert bleiben aber auch sie im Netz, das grundsätzlich so gut wie nie gepostete Daten wieder loslässt. „Man muss aufpassen, dass man nicht die Kontrolle aus der Hand gibt“, mahnte Koine, „erst denken, dann senden.“ Die Kontrollen der Anbieter, beispielsweise bei der Livestream-Plattform YouNow, auf der Jugendliche live aus ihrem Kinderzimmer senden, beschränken sich auf ein Minimum. Hier ist dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Die Klassiker wie Facebook und WhatsApp dagegen hätten heute schon einige Sicherheiten und Innovation für ihre Nutzer zu bieten. Der Austausch von Information, der Kontakt mit anderen Menschen in der ganzen Welt und vieles mehr seien durchaus positive Errungenschaften.

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Karsten Rößner

„Nicht das Internet ist das Problem, sondern die Nutzer“, so das Fazit des IT-Profis, dem sich auch Fachanwalt Karsten Rößner anschloss. Er legte strafrechtliche und zivilrechtliche Folgen des Internetmissbrauchs dar; sei es Cybermobbing oder Datenmissbrauch. Als Problem benannte er unter anderem, dass es gerade unter Jugendlichen kein Bewusstsein für die unendliche Öffentlichkeit gibt, in der sie sich online befinden. Auch Kenntnisse der rechtlichen Spielregeln seien kaum vorhanden. Zum Thema Mobbing in Sozialen Medien sagte Rößner, dass es sehr schwierig sei, dieses zu ahnden, da der Nachweis, dass man gemobbt wurde, schwer zu führen sei. Auch seien Jugendliche bis zu ihrem 14. Lebensjahr vor dem Strafrecht unmündig. Danach würden sie im Rahmen des Jugendgerichtsgesetzes eher mit erzieherischen denn strafenden Maßnahmen belegt: Weisungen, Verwarnungen, Auflagen, mitunter auch Jugendarrest oder Jugendstrafe. Im Zivilrecht dagegen können schon Siebenjährige verurteilt werden, führte der Anwalt zur Überraschung aller Anwesenden aus. Dies mache sich besonders bei Urheberrechtsverletzung bemerkbar. Hier müssten Eltern nachweisen, dass sie ihrer Aufsichtspflicht nachgekommen sind. Gelingt dies nicht, stehen Abmahnung, Unterlassungsansprüche, Schadensersatz und Aufwendungsersatz, also die Anwaltskosten, auf dem Plan: eine sehr teure Angelegenheit, die nicht selten für Kosten im fünfstelligen Bereich sorgt. Eltern sind demnach verpflichtet, zu schauen, was ihr Kind online so treibt. Gibt es konkrete Anhaltspunkte für Unzuverlässigkeiten, muss die Aufsichtspflicht verschärft werden bis hin zum Internetentzug.

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Thomas Müller

Nicht selten ringen Eltern um den richtigen Umgang mit der Mediennutzung ihrer Kinder. Wann ist es noch in Ordnung? Und wann ist die Kontrolle zu viel? Fragen, die sich auch der Familienvater Thomas Müller stellt, wie er berichtete. Er ist Sozialpädagoge und war lange Jahre in der Jugendarbeit tätig, wo er sich auch mit Themen wie Cybermobbing und sozialer Kompetenz beschäftigte. Er betonte die Vorbildfunktion, die Eltern für ihre Kinder haben: Wenn sie ständig auf ihr Handy schauen, wird das auch das Kind übernehmen. „Ihr seid es, die erziehen“, appellierte er an die anwesenden Eltern, „noch vor der Schule.“ Wichtig sei es, so Müller, die Kinder in ihren ersten Lebensjahren zu stärken. Kinder, die in dieser Zeit den Rückhalt ihrer Familien erlebt und sich geborgen gefühlt haben, seien später weniger anfällig für Verlockungen vielerlei Art. Er riet den Eltern, mit den Kindern und Jugendlichen ständig im Gespräch zu bleiben, immer wieder über neue Entwicklungen zu diskutieren und für die Mediennutzung Grenzen zu setzen. Kein Handy beim Essen, kein Daddeln, wenn Besuch da ist, Chillen ohne Handy… Möglichkeiten gibt es viele. Allerdings müsse man die Einhaltung getroffener Regeln auch einfordern und deren Bruch sanktionieren. „Die Handys unserer Kinder zu kontrollieren ist technisch nicht möglich und emotional nicht ratsam“, so Müller, „Vertrauen ist die einzige Basis.“ Zum Schluss seiner Ausführungen stellte er die Frage in den Raum, inwieweit man die technischen Fortschritte tatsächlich mitmachen müsse. „Lassen wir uns bald die Handys in die Hand implantieren, nur weil es möglich ist, und wollen wir das mit allen Konsequenzen?“

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Jan Merle und Alexander Möller

Was Schule tut, um den Kindern Medienkompetenz zu vermitteln, erläuterten am Ende eines langen Abends Jan Merle und Alexander Möller. Sie sind an der Albert-Schweitzer-Schule die IT-Experten und unterrichten das Fach IKG, das in den unteren Klassen Grundkenntnisse im Umgang mit dem Internet vermittelt. In den höheren Mittelstufenklassen wird im Rahmen von Themenwochen das Gewicht auf die soziale Komponente der Internetnutzung gelegt. Deutlich wurde während der Ausführungen der beiden Lehrer, dass die Eltern sich wünschen, dass die Schule auf diesem Themengebiet mehr anbietet. So stellte man sich eine Art „Medienführerschein“ vor, ein Zertifikat also, das die Schülerinnen und Schüler nach besonderem Unterricht und einer Prüfung erwerben und mit dem sie gewissermaßen kundtun, dass sie über Fallstricke, rechtliche Regeln und Folgen des Missbrauchs im Internet Bescheid wissen.

Darüber hinaus plant die Schule die Teilnahme an dem Projekt Digitale Helden.

Hier werden Schülerinnen und Schüler ausgebildet, um ihren Mitschülern bei Fragen und Problemen beizustehen. Es wird somit – unter Federführung eines Lehrers – ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für die Kinder und Jugendlichen geschaffen. Ein Runder Tisch der Medienarbeit soll zukünftig die Konzepte der Schule zu diesem Themenbereich regelmäßig überprüfen und neuen Gegebenheiten anpassen.

Darüber hinaus plant die Schulgemeinde, weitere Regeln für die Nutzung von Smartphones während der Schulzeiten zu entwickeln. Auch das schnelle Onlinegehen in den kleinen Pausen hat eine hohe Störqualität, wie man inzwischen weiß. Zum Abschluss der Veranstaltung sprach Thorsten Schäfer, stellvertretender Schulelternbeiratsvorsitzender, die Elternschaft noch einmal direkt an: „Die Nutzung von Internet und Smartphones ist kein alleiniges Schulthema, sondern auch unser Auftrag!“