• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Paragraph 1: Die hehren Ziele und ihr Scheitern am Flüchtlingsrecht

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Der „Paragraph 1“ der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte war der Titel des Theaterstücks, das sieben Schülerinnen der Q4 unter der Leitung von Veronika Sáez in ihrem Kurs Darstellendes Spiel selbst geschrieben und inszeniert haben. Mit einem Mix aus Kommentaren aus dem Off und einer sehr berührenden Flüchtlingsgeschichte stellten sie den hehren Zielen der 48 unterzeichnenden Länder die gesellschaftlichen Realitäten gegenüber, denen Flüchtlinge sich heute, fast 70 Jahre nach der Unterzeichnung der Menschenrechtserklärung, stellen müssen.

Das Bühnenbild stilisiert, erschließt sich die Handlung erst allmählich: eine Mädchenschule in Nigeria. Ein Anschlag. Die Mädchen werden entführt. Ganz unmissverständlich findet der Zuschauer bereits in der ersten Szene den unverhohlenen Bezug zur Gegenwart, zu den jüngsten Geschehnissen. „Gewiss, ich lasse keine Tat eines Tuenden von euch, ob männlich oder weiblich, verloren gehen, die einen von euch sind wie die anderen.“ Die 7. Sure des Korans steht in krassem Gegensatz dazu, sie kennt offenbar keine Diskriminierung und liefert keine Basis für das, was radikale Moslems im Namen ihrer Religion tun. Ein Theaterstück mit einer Message.

Nächste Szene. Amaru, Bruder eines der entführten Mädchen, will eigentlich nach Europa fliehen, beschließt dann aber in Nigeria zu bleiben, um seine Schwester zu retten. Bei dem Versuch wird er fast erschossen. Nun bleibt ihm nur noch die Flucht. Über das Meer nach Italien. „Auf den meisten Flüchtlingsbooten stehen Hunderte dicht an dicht und die Gefahr der Überfahrt ist für alle hoch. Tagelang sind die Flüchtlinge in zumeist kleinen Booten, bei mangelhafter Ernährung und fehlenden sanitären Einrichtungen unterwegs. Wie viele Flüchtlinge insgesamt über das Mittelmeer reisen, ist unklar. Allerdings liegen Schätzungen bei ca. 22.000“, ertönt die Information aus dem Off. Die Szene auf dem Flüchtlingsboot unterstreicht das Gehörte auf dramatische Weise.

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Not und Elend herrschen auf dem Füchtlingsboot.

Ein Sturm zieht auf. Amaru wird in Italien an Land gespült. Von dort gelingt es ihm – mit Hilfe einer Italienerin – direkt weiterzureisen nach Deutschland. Schließlich landet er in einem Aufnahmelager. Die Erlebnisse des Flüchtlings: verstörend. Amaru wird in der Frankfurter Fußgängerzone von shoppenden Frauen übersehen, die Dolmetscherin im Aufnahmelager interessiert sich nicht für ihn. Man ahnt, dass es nicht leicht wird für den jungen Nigerianer. Er träumt von guten Zeiten in der Heimat und von der Erschießung seiner Schwester. Im Wohnheim teilt er sich das Zimmer mit drei anderen, die nicht gerade auf ihn gewartet haben. Er hat nur ein Bett für sich allein und darf sich nur in einem Radius von 20 km um seinen Aufenthaltsort bewegen. „Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Freiheit? Für Flüchtlinge, fragt sich der Zuschauer. „Artikel 12: Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.“ Privatleben? Für Flüchtlinge, fragt sich der Zuschauer. „Artikel 14: Jeder hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen. Dieses Recht kann nicht in Anspruch genommen werden im Falle einer Strafverfolgung, die tatsächlich auf Grund von Verbrechen nichtpolitischer Art oder auf Grund von Handlungen erfolgt, die gegen die Ziele und Grundsätze der Vereinten Nationen verstoßen.“ Trotz dieses Rechtes wird der Asylantrag von Amaru, der inzwischen im Asylbewerberheim in Altenburg lebt, abgelehnt…

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Die Flüchtlinge im Aufnahmelager – was wird sie erwarten?

Vom ersten Moment an gelingt es den Schauspielerinnen, ihren Figuren Authentizität zu verleihen, das Schicksal Amarus auf der Bühne wahrwerden zu lassen. Sie schaffen damit mehr als reine Dokumentation und beziehen mit der Gegenüberstellung von Informationen und Spiel klar Stellung. Recherchiert haben die Oberstufenschülerinnen übrigens auch bei Pro Asyl und in den Altenburger und Alsfelder Wohnheimen für Asylbewerber. Ihre Ergebnisse sind mit in das Theaterstück eingeflossen. Vielleicht weil die Schauspielerinnen die Menschen nun kennen, um die es geht, hat ihr Theaterstück ein Happy End. Am Ende darf Amaru bleiben und seine Familie zu sich holen. Vielleicht, weil es das ist, was sie den Flüchtlingen wünschen…