• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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„Teil der Forschung werden!“

Die Zeit nach dem Abitur und vor der Ausbildung oder dem Studium widmen viele junge Menschen heute einem freiwilligen Jahr. Am bekanntesten ist das Freiwillige Soziale Jahr. Doch das ist nur eine Facette: Es gibt das Freiwillige Ökologische Jahr, das Freiwillige Kulturelle Jahr, auch ein Freiwilliges Jahr im Sport ist möglich. Zu den weniger bekannten Möglichkeiten zählt das Freiwillige Jahr in der Wissenschaft. 60 Plätze dafür stellt unter anderem die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) zur Verfügung. 700 junge Leute haben sich in diesem Jahr dort beworben. Einer der begehrten Plätze ging an Valentin Gerst. Wie es dazu kam und warum der 20-Jährige aus Grebenau sich schon so sehr darauf freut, erzählte er in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule, der er nun bald den Rücken kehrt.

„Ich hatte in meiner Schulzeit viele Vorstellungen von meinem zukünftigen Beruf“, berichtet er, „Jura stand mal zur Diskussion oder Journalismus“. Er absolvierte Praktika in diesen Bereichen, aber die Wahl blieb schwer. Bis er im Alter von 16 Jahren an einem Hirntumor erkrankte, der zunächst als unheilbar galt. Bis die Ärzte der Gießener Krebsstation Peiper im Netzwerk mit internationalen Spezialisten einer Methode aus den USA auf die Spur kamen, die Valentin schließlich das Leben rettete. „Die Erfahrung der Krankheit und auch der Heilung hat meine Sicht auf viele Dinge geändert“, resümiert der frischgebackene Abiturient. Auch dass er hier steht, und das mit einem mehr als guten Durchschnitt, gleicht einem Wunder. „Man sagt, dass die Konzentrationsfähigkeit nach so einer Erkrankung einschließlich der Therapie nie mehr so gut wird, dass man beispielsweise sein Abitur machen kann.“ Man kann, wie man sieht, auch wenn durchaus Einschränkungen vorhanden sind. Zu den Dingen, die sich für Valentin Gerst geändert haben, zählt auch, dass er selbst forschen will, seinen Beitrag leisten will, um zu helfen.

Zur weiteren Entscheidungsfindung riet ihm Gerrit Lepper von der Berufsberatung der Agentur für Arbeit zu einem Wissenschaftlichen Jahr, eine sehr interessante Möglichkeit, die es allerdings erst seit wenigen Jahren gibt und die daher noch recht unbekannt ist. Dennoch stellten sich 700 Bewerber allein den Anforderungen der MHH. Auch Valentin bewarb sich dort für die Teilnahme an drei spannenden Projekten: Sowohl das Blutlabor also auch das Infektionslabor waren für ihn von großem Interesse. Sein Favorit war jedoch der Bereich Core Facilities, die Klinische Forschung, innerhalb derer in Hannover die Wirksamkeit und die Wirkung neuer Medikament in verschiedenen Phasen vor ihrer Zulassung erprobt werden. Der so ehrgeizige wie motivierte junge Mann wurde zu allen drei Projekten zum Vorstellungsgespräch eingeladen – um festzustellen, dass die anderen Bewerber nicht minder ehrgeizig und motiviert waren. Dazu kamen noch ein paar widrige Umstände, die ihm ein wenig die Zuversicht raubten: So kann er zu einem der Vorstellungsgespräche zu spät, weil die ganze Stadt wegen des Obama-Besuchs dicht war.

„Nach den drei Besuchen in Hannover sollte ich ein Ranking abgeben – auch das hätte ich beinah verschwitzt“, gibt er zu. Doch die zuständige Dame in Hannover ließ nicht locker. Überhaupt war Valentin Gerst von Anfang an sehr begeistert von dem freundlichen und verbindlichen Ton, der an MHH herrscht. „Außerdem waren die Besuche der einzelnen Projekte wirklich spannend, und ich wünschte mir natürlich sehr, dass es klappen würde, für eines der Projekte eingestellt zu werden.“ Noch am Abend, nachdem er sein Ranking bekannt gegeben hatte, bekam er Bescheid – die MHH hatte seinen Erstwunsch für ihn ausgewählt. „Ich konnte es kaum fassen!“ Dass es dann auch noch Probleme mit dem Postweg gab, auf dem der Vertrag kommen sollte, passt zwar ein wenig in den holprigen Start, tut der Freude des künftigen Wissenschaftlers allerdings keinen Abbruch.

Am 1.9. startet sein Freiwilliges Wissenschaftliches Jahr an der MHH in Hannover. Jetzt ist er auf der Suche nach einem Zimmer in dem Studentenwohnheim, einer WG oder sonstwo in Hannover, wo es noch erschwinglich ist. In die Stadt hat sich der Grebenauer gleich verliebt. Er könnte sich durchaus vorstellen, auch sein Studium dort zu absolvieren. „Was das sein wird, weiß ich noch nicht ganz genau. Medizin vielleicht oder Biochemie.“ Seinem Ziel, selbst Teil der Forschung zu sein und auf diese Weise etwas von dem zurückzugeben, das er bekommen hat, als seine Lage aussichtslos war, ist Valentin Gerst mit dem Projekt Freiwilliges Wissenschaftliches Jahr auf jeden Fall schon ein gutes Stück näher gekommen.