• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
  • 0

Traurig und absurd, witzig und abgefahren: Short Cuts auf der Bühne

Aus dem Ruder gelaufen ist etwas, das bestenfalls ungeplant verläuft und schlimmstenfalls nicht mehr beherrschbar ist. „Aus dem Ruder gelaufen“ ist der Name eines Theaterstücks von Thorsten Böhner, das sich der Q2-Kurs Darstellendes Spiel von Veronika Sáez im letzten Halbjahr vorgenommen hatte. Nun führten die 17 Schülerinnen und Schüler ihr Theaterstück an drei Terminen auf und ernteten für ihre szenischen Darstellungen viel Applaus.

applaus web

Dabei hatten sie mit ihrer Lehrerin die Vorlage massiv bearbeitet, jede Menge moderne Anleihen miteinfließen lassen und das Stück multimedial aufbereitet – eine abwechslungsreiche Angelegenheit, die mal witzig, mal traurig, mal absurd daherkam. Das Stück startete mit dem Sketch „Double TV“: Ein neues Format stellten die beiden motivierten Moderatorinnen vor, denn es ging darum, zwei verschiedene Talkshows gleichzeitig zu zeigen. Leider wurden die männlichen Gäste verwechselt, was zu den absurdesten Fragen und Antworten führte, die – natürlich – live auf die große Leinwand auf der Bühne übertragen wurden. „Augen zu und durch“ hieß es für alle Beteiligten – eine probate Methode, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen. Genauso wie auf der Polizeistation. Die diensthabende Polizistin hatte es mit den jungen Egos drei alter Frauen zu tun. Schwelgten die Alten zu Anfang noch in einer eindrücklichen Inszenierung in ihren Erinnerungen und Träumen, so erwiesen sich die Jüngeren ebenso wie die Polizistin als merkwürdige Erscheinungen

höschen web

Die eine wurde von einem Einbrecher heimgesucht, was die Polizei aber nicht im entferntesten interessierte, die andere war damit beschäftigt, ihren Namen ordentlich ausgesprochen zu haben, die Dritte, zugedröhnt, vermisste ihren Hund.

hippie web

Absurde Situationen, auf den ersten und auch den zweiten Blick nicht unbedingt nachzuvollziehen, und schon gab es einen weiteren Cut: Die Darsteller waren nun ins Jahr 2035 gebeamt. Eine Reporterin berichtete über die Rente mit 85, die auch schon mal dazu führen kann, dass die Betreuten eines Altenheims fitter sind als die demente Einrichtungsleiterin und die vermeintlich wohlmeinende Sozialarbeiterin ihre alten Schützlinge bei Rot über die Fußgängerampel schickt

alte web

Währenddessen ließen es sich die zuständigen Politiker auf Malle gutgehen und zahlten leichten Herzens die engagierte Sozialarbeiterin aus, die ihnen regelmäßig die teuren Alten vom Leib schaffte. Sehr nachdenklich endete dieser Sketch – alle grammatikalischen Formen von „alt sein“ zitierten die Darsteller und stellten am Ende fest: „Die Jungen werden alt, und die Alten waren mal jung. Aber am Ende haben wir alle doch nur ein Leben.“

politiker web

Obwohl ein sehr nachdenklicher Part, war hier wie in jeder Szene deutlich zu spüren, wieviel Freude die jungen Schauspieler an ihrer Arbeit hatten. Nicht zuletzt, weil sie selbst an der Bearbeitung und Inszenierung mitgewirkt hatten.

banküberfall web

Aus dem Ruder lief auf der Bühne der Albert-Schweitzer-Schule auch ein Banküberfall, bei dem ein altes Ehepaar die Bemühungen des Täters ebenso wenig ernst nahm wie die mehr mit Äußerlichkeiten und Friseurterminen beschäftigte Angestellte. Sie brachten dem Bankräuber nicht nur die Regeln guter Kommunikation bei, sondern raubten ihm die letzten Nerven.

shoppen web

Ein Intermezzo zum Thema Sucht läutete die nächste Szene ein: Handy, Zigaretten, Alkohol, Spiele, Klamotten – es gibt viele Süchte moderner Menschen. Der folgende Sketsch nahm den Internet-Bestell- und Rabatt-Sammel-Wahn aufs Korn. Sehr witzig, aber auch sehr böse, denn am Ende wurde der einzig Normale der Szene von wohlmeinenden Sanitätern abgeholt…

„Verkehrte Welt“ hieß der letzte Sketch. Drei Frauen schauten biertrinkend und polternd Fußball, während drei Männer handtaschenschwingend und proseccotrinkend der „Shopping Queen“ frönten, die witzigerweise mit Szenen aus der Alsfelder Innenstadt nachgestellt war.

klischee I web

Nichts anderes als die allseits bekannten Männer- und Frauenklischees hakten die Darsteller ab, allein durch die vertauschten Geschlechter wurden diese ad absurdum geführt und gerieten in der Tat sehr unterhaltsam. Egal, ob das breitbeinige Sitzen der Männer oder das gemeinsame Händeeincremen der Frauen – dieser Sketch am Ende war sicherlich derjenige mit dem höchsten Spaßfaktor.

klischee 2 web

Gut waren sie alle sechs: Jede Szene hatte in ihrer Eigenart ihren Reiz, ihre Message, ihre traurigen oder witzigen Momente. Aber jeder einzelne dieser Short Cuts zeugte auch von der Reflexion der jungen Darsteller, die sich mit Leidenschaft und Spielfreude in die verschiedenen Sujets eingearbeitet hatten.