• Verfasser: Traudi
  • Thema: Allgemein
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Und, natürlich kann geregnet werden, oder, Wir haben die Queen gesehen

Nun schon zum siebenten Male brachen am Sonntag, dem 12 Oktober 2014, fünfzig SchülerInnen der Albert-Schweitzer-Schule zur alljährlichen Tour ins perfide Albion auf. Wir, die Begleitlehrer hatten einige Bauchschmerzen wegen des späten Termins, den wir der Kultusministerkonferenz zu verdanken hatten, denn in England soll es durchaus bisweilen regnen, zumal im Herbst. Doch unsere Mienen hellten sich noch vor Abfahrt erheblich auf, denn wir erkannten, dass uns der Veranstalter wunschgemäß den allercoolsten Busfahrer von allen geschickt hatte, den legendären Uwe Becker aus dem Kohlenpott. Dieser Mann ist in der Lage, jede Tour, egal wohin, egal wann, in einen Publikumserfolg zu verwandeln – was er denn auch tat.

Es sind nur knapp 650 km von Alsfeld nach Whitstable, unserem Ziel in der schönen Grafschaft Kent, dem Garten Englands, also keine große Sache offenbar, doch geht es durch vier Staaten (D, NL, B, F), vorbei an mehreren Großstädten mit viel Verkehr (Köln, Brüssel, Antwerpen) und obendrein auch noch 34 km übers Meer. Nun, zum Glück stand für uns in Calais ein Schiff bereit. Den berühmten weißen Klippen von Dover näherten wir uns noch bei Tageslicht – ein schöner Empfang, immer wieder – und dann waren wir da, im Land der Europaskeptiker, der Linksfahrer und der zweifarbigen Nummernschilder, vorn weiß, hinten gelb. Etwas später fanden wir heraus, dass unsere Bedenken vom frühen Morgen doch berechtigt gewesen waren, denn bei Ankunft in Whitstable regnete es. So wurden dann Gepäck und Quartiere an Kinder verteilt, die nicht nur müde und erwartungsfroh, sondern auch ein wenig feucht waren.

Das nasse Wetter blieb uns auch am nächsten Tag treu, weshalb wir das Programm umstrukturieren mussten. Statt an der „Küste der Sachsen“ (so heißt dieser Strandabschnitt) entlang zu wandern, besichtigten wir zuerst den Fliegerhorst Manston, den am häufigsten während der „Luftschlacht um England“ angegriffenen Flugplatz, samt zwei Veteranen-Jagdmaschinen aus eben diesem Konflikt. Danach ging es zum ersten Test der sprachlichen Fähigkeiten der Kinder, in ein shopping centre bei Margate. Der Test wurde übrigens mit Glanz und Gloria bestanden, was man an den ershoppten Sachen erkennen konnte. Der Regen hörte auf, sodass wir anschließend nach Broadstairs fahren konnten, einem reizenden kleinen Badeort, den schon Charles Dickens schätzte, der dort sein letztes Buch schrieb (Bleak House, das ein Fragment blieb). Die Brecher, die hier gegen die Kaimauern donnerten, gischteten höher hinauf als Häuser, und wir waren im Nachhinein froh, dass die See am Vortag ruhiger gewesen war. Als Rausschmeißer gab es dann noch, nach Whitstable zurückgekehrt, die traditionelle town rally, diesmal teilweise unter Flutlicht.

Am Dienstag ging es in die Hauptstadt, ins nur 100 km entfernte London. Wir ließen es locker angehen, denn immerhin bevölkern ca. 12 Millionen Menschen den Großraum London und damit muss der Vogelsberger erst einmal klar kommen. Im Vorort Greenwich erkundeten die SchülerInnen in der berühmten Sternwarte das Problem des Längengrades, besichtigten die Cutty Sark, den einzigen noch erhaltenen China Klipper, und dümpelten dann mit einem Touri-Boot, das unsere Gruppe fast allein füllte (in der Nebensaison fahren die dicken Pötte offenbar nicht mehr) vorbei an den Top-Sehenswürdigkeiten (Docklands, Tower samt Bridge, HMS Belfast, Globe Theatre, London Eye) bis nach Westminster, wo wir im Schatten des Parlamentsturms wieder an Land gingen. Der Big Ben ist die große Glocke im Inneren dieses Turms, aber das ist ja sicher allgemein bekannt, oder…? Dann folgte der Höhepunkt, eine Besichtigung des Shakespeare’s Globe Theatre, dem originalgetreuen Nachbau des Ur-Globe von ca. 1600 und ein Theater-Workshop unter Anleitung zweier echter Schauspielerinnen, auf Englisch, natürlich. Schon nach kurzem und kurzweiligem Üben konnten unsere SchülerInnen höchstselbst ein kleines Shakespeare-Stück aufführen. Applaus, Applaus. Dann sammelte uns Uwe Becker wieder ein und zurück ging’s nach Whitstable.

Am Mittwoch fuhren wir nach Dover Castle, einer Festung, die Heinrich der Zweite Mitte der Elfhunderter bauen ließ und die so authentisch erhalten ist, dass man sie schon mehrmals als Filmkulisse verwendet hat, zum Beispiel für Hamlet mit Mel Gibson. Wir durften mit allerlei Requisiten spielen, von denen es in der Burg wimmelt, ja, wir durften uns sogar auf König Heinrichs Thron setzen – ein tolles Gefühl, richtig royal. Von der Burg aus hatten wir einen Blick bis hinüber nach Frankreich. Die Briten schätzen solche Fernsicht übrigens überhaupt nicht: ein Tag, an dem man Frankreich sehen kann, ist ein schlechter Tag. Dank Uwe Beckers, des coolsten Busfahrers von allen, fanden wir im nahegelegenen St. Margrete’s–at-Cliffe (wo immer noch der erste elektrisch betriebene Leuchtturm der Welt steht, allerdings ausgeschaltet) einen Stellplatz für den Bus und wir stiegen hinab zum Strand, wo wir am Fuß der weißen Klippen die Küste erkundeten. Zum Glück war gerade Ebbe. Der Tag klang aus in Canterbury, der Hauptstadt Kents. Ein Städtchen, das einst hervorragend von Pilgern lebte, die am Grab des Heiligen Thomas Beckett beten wollten, dem die Reformation (Heinrich der Achte, man erinnert sich…?) allerdings ein plötzliches Erliegen der Pilgerströme (und Einnahmen) bescherte. Für uns Heutige ist das jedoch ein Glücksfall, denn der Ort ist im Zentrum angefüllt mit alten und sehr alten Häusern, weil für Modernisierung oder gar Abriss und Neubau einfach kein Geld da war. Canterbury ist eine große Puppenstube, mit Kanälen und krummen Straßen, leider aber stets voller Touristen und am vollsten mit jugendlichen Sprachtouristen.

Der letzte Tag, der Donnerstag, begann, völlig unerwartet, mit Regen und einem Stau auf der Autobahn Richtung London, was wohl zusammenhing. Man sollte zwar meinen, dass die Briten mit nassen Straßen gut zurechtkommen sollten, tun sie aber leider nicht. Während der Fahrt entlang dem Embankment kam uns auf einmal, kein Scherz, echt wahr, es gibt Zeugen, die Queen entgegen, in einem (was sonst) Land Rover, mit Philip an ihrer Seite. Wie sich später herausstellte, fuhr sie zur Besichtigung einer Installation zur Erinnerung an die gefallenen Briten des Ersten Weltkriegs, im Burggraben des Tower (tausende roter Plastik-Mohnblumen). In London dann – Sightseeing, endlich. Downing Street (David Cameron war zu Hause, hatte aber schon Besuch), Horse Guards, Buckingham Palace, Trafalgar Square, Westend, das Übliche halt. Ein kurzer Fußmarsch brachte uns, vorbei an tausend Theatern, zum „Schatzhaus der Menschheit“, dem Britischen Museum. Hier erledigten die SchülerInnen kleinere Aufgaben zur Kommunikation in der Zielsprache und zur Weltkulturgeschichte. Klingt bombastisch, war aber so. Der Abschluss dieses Ausflugs (und der ganzen Tour) und für nicht wenige der Höhepunkt: Souvenirkauf, echte Londoner Sachen, echt aus London, rings um Covent Garden. Ein großes Kompliment an dieser Stelle an unserer SchülerInnen, die sich im quirligen Großstadtbetrieb hervorragend benahmen. Und das war’s für 2014.

Uwe Becker, der coolste Busfahren von allen, brachte es am Freitag zu Wege, mit flinkem Fahren, Überredungskunst beim Einchecken und totaler Ortkenntnis in diesem Teil Europas nämlich, dass wir gegen 21:30 Uhr wieder in Alsfeld anlangten. Da haben wir schon ganz andere Zeiten erlebt, in sieben Jahren.

Fazit: Anstrengend war’s, aber schön. Gut, dass anschließend Ferien waren.

Von Volker Zähme