Von Alsfeld zum Mond nach Windhoek und zurück

In früheren Zeiten war sie eine probate Methode, Entfernungen zu bestimmen: die Triangulation. Man teilte eine Region in Dreiecke ein und maß ausgehend von einer bekannten Strecke zwei Winkel zum neuen unbekannten Punkt. Mithilfe geometrischer Überlegungen konnte man so die Entfernung zum unbekannten Punkt bestimmen, ohne die Entfernung selbst gemessen zu haben. Noch im 18. und 19 Jahrhundert wandten fast alle Staaten Europas und Amerikas diese Methode an – sie lieferten auch nach Überprüfung mit modernster Technik erstaunlich genaue Ergebnisse.

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Eifrig am Werk waren die Schülerinnen und Schüler der Astronomie-AG der Albert-Schweitzer-Schule mit den Aufbauten.

Diese Methode der Entfernungsmessung kann auch in der Astronomie angewandt werden. Man muss lediglich die Entfernung zwischen den gewünschten Messpunkten genügend groß wählen, um dann die Entfernung beider Orte zu einem dritten Punkt zu bestimmen. Ob das so einfach ist und wenn ja, wie das überhaupt zu machen ist, überprüfte vor wenigen Tagen die Astronomie-AG der Albert-Schweitzer-Schule unter der Leitung von Martin Wilhelm: Sie hatte sich vorgenommen, mit Hilfe der Triangulation die Entfernung der Erde zum Mond zu bestimmen. Als ein Bezugspunkt war der Oberstufenstandort in der Schule in der Krebsbach natürlich schnell ausgemacht. Doch wo könnte der andere, weit entfernte Punkt liegen? Und wer könnte dort zur selben Zeit den Winkel des Mondes zum Lot messen?

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…gar nicht so einfach: Das Lot zum Mond fällen und den Winkel bestimmen.

Was zuerst schwierig war, stellte sich als sehr einfach heraus. Schließlich befindet gerade Antje Stein, Lehrerin an der Albert-Schweitzer-Schule, sich im Auslandsschuldienst in Namibia. Und auf Rückfrage durch Kollege Wilhelm stellte sie fest, dass es an ihrer Schule in Windhoek eine Astronomie-AG gibt. Der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit bahnte sich an. Bald wurde ein Termin für die Messungen bestimmt, der beiden passte und an dem der Mond an beiden Orten  sichtbar war: Am 30.11. um 12:30 postierten die Mitglieder der Astronomie AG auf dem Grundstück der Albert-Schweitzer-Schule ihre Messgeräte. Schließlich mussten sie das Lot zum Mond fällen und den Winkel des Mondes zu diesem Lot ermitteln. Mehrere Messungen wurden auf diese Weise vorgenommen und dann das Mittel bestimmt. Zur selben Zeit spielte sich dieses Szenario in Windhoek ab. 11.750 Kilometer weiter hatten die Schülerinnen und Schüler zwar schon Unterrichtsschluss, weil Windhoek eine Stunde Zeitverschiebung hat, doch sie ließen sich das Experiment mit ihren deutschen Mitspielern nicht nehmen. Und so gingen an diesem Tag im Sekundentakt Messwerte per Handy zwischen Windhoek und Alsfeld hin und her, aus denen die Astronomen der ASS später die Mittelwerte bestimmten und diese in eine nicht ganz unkomplizierte mathematische Formel einfügten.

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Warten auf die Daten aus Windhoek – die ganze Gruppe war sehr gespannt auf die Ergebnisse.

„Mithilfe der einfachen Messungen und mathematischen Überlegungen kann man die Größenordnung der Entfernung Erde-Mond abschätzen“, so Martin Wilhelm. „Ist der Mond 10.000 oder 10 Millionen Kilometer entfernt? Durch unsere Messung konnten wir eine gute Abschätzung vornehmen.“ Berechnet wurde ein Abstand von 250.000 km, was ungefähr der Größenordnung des Abstandes an diesem Tag (400.000km) entsprach.

Spannend war aber auch zu sehen, wie Experiment und Theorie gemeinsam zu Ergebnissen führen. Und nicht zuletzt war die Vorstellung, mit Schülerinnen und Schülern in Windhoek zur selben Zeit zu arbeiten und Daten auszutauschen, für die Alsfelder Schulastronomen eine ganz besondere Erfahrung, an die sie nun vielleicht immer mal denken, wenn sie in den nächtlichen Alsfelder Himmel blicken und den Mond sehen.

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