Im Zweifel für die Wahrheit
„Spieglein, Spieglein, vor Gericht“ – DS-Kurs der Albert-Schweitzer-Schule zeigt Folgen von Lügen, Angst und Macht auf der Suche nach der Wahrheit
Mit dem Stück „Spieglein, Spieglein vor Gericht – sterben soll, wer Wahrheit spricht“ hat der Kurs „Darstellendes Spiel“ der Q2 der Albert-Schweitzer-Schule in drei Aufführungen dem Publikum die Frage nach dem Weg zur Wahrheit gestellt: Was, wenn diejenigen, die sie kennen, schweigen und sich die Stärkeren immer durchsetzen? Was wenn, diejenigen mundtot gemacht werden, die unermüdlich nach ihr suchen?
Im Rahmen einer Gerichtsverhandlung gingen die Richter und Geschworenen verschiedenen Fällen nach – vernahmen Zeugen, sichteten Beweise und hofften auf die Aussage eines – vermeintlich – unparteiischen Spiegels, der die Wahrheit kannte, sie aber lieber für sich behielt. Dargestellt als glänzende Person auf einem Sockel, nahm dieser Spiegel während des ganzen Stücks einen prominenten Platz ein – gerade zu Beginn, als die Akteure mit Putzzeug aller Art versuchten, den Dreck vieler Lügen wegzuwischen: „Alles so dreckig hier, alles voller Lügen“, raunten sie ins Publikum.

Dann begannen die Gerichtsverhandlungen. Mit Charakteren, die dem Publikum aus traditionellen Märchen bekannt sein dürften, schufen die Schauspieler, die dieses Stück mit ihren Kursleiterinnen Maxime Fabel-Perlefein und Antje Stein auch selbst entwickelt hatten, zum einen Nähe: Wer hat nicht bestimmte Assoziationen mit dem Rumpelstilzchen, dem Prinzen, den Zwergen oder dem Schneewittchen. Zum anderen gab dies auch Raum für Verfremdungseffekte: Warum sollte das Rumpelstilzchen die Zwerge jagen? Was will der Prinz mit dem Koks? Und warum lässt sich das Schneewittchen so leicht übers Ohr hauen?

Wer wen bestiehlt, ermordet oder beklaut – all das verhandeln die Richterinnen gemeinsam mit den Geschworenen. Die Wahrheit bleibt bei allen Beteiligten – auch beim allwissenden Spiegel – auf der Strecke. Lediglich mit Hilfe der Beweisstücke können die Bösen überführt werden. Wie dramatisch es werden kann, wenn die Wahrheit mutwillig oder aus Angst verschwiegen wird, wird deutlich, als sich zu den üblichen Verbrechen das Aussprechen der Wahrheit in einem totalitären Regime gesellt: Sophie Scholl nimmt Gestalt an, hält an der Wahrheit fest, auch als Wegbegleiter sie im Angesicht der Gefahr durch einen NS-Kommandanten nicht weiter unterstützen. „Ich stehe für die Wahrheit ein.“ Sophie Scholls Credo kann auch auf die fiktiven Fälle des Stücks gemünzt sein. Und anders als in der tatsächlichen Geschichte spricht die Richterin die junge Frau vom Verrat und der staatsfeindlichen Umtriebe frei. Die Beweise haben sie überzeugt, die brutalen Nazis verlieren.

Am Ende spielt der Spiegel eine entscheidende Rolle: Er, der die Wahrheiten die ganze Zeit kannte, aber stets geschwiegen hat und nichts zur Gerechtigkeit beigetragen hat, wird die Richterin – die Verkörperung der Wahrheit – ermorden. Wie gut, dass die Dramaturgie sie wieder auferstehen lässt: Die Hoffnung auf den Sieg der Wahrheit bleibt, die Putzkolonne vom Anfang postuliert: „Alles so schön sauber hier“.

In ihrem Stück haben die jungen Akteure zum einen sehr viel Handwerkszeug und zum anderen sehr viel Leidenschaft für ihr Spiel gezeigt. Mit postdramatischen Methoden, beispielsweise dem Figurensplitting – mehrere Darsteller spielen eine Person und zeigen damit verschiedene Charaktereigenschaften auf -, den Anachronismen und insbesondere den eingeflochtenen Rückblenden, die sie als Szenen in die Gerichtsverhandlung eingebunden haben, nutzten sie viele dramaturgische Elemente, die den Inhalt des Stücks nachhaltig im Gedächtnis verankern. Allegorien – wie die Darstellung der schweigenden Wahrheit als Spiegel – oder auch der Sprechchor sowie eine kurze Einordnung zu Beginn sind weitere interessante Mittel, die die dreiunddreißig Schülerinnen und Schüler der 12. Klasse erarbeitet hatten und präsentierten.
Die Wahl des Themas zeigte darüber hinaus eine interessante Facette des Faches „Darstellendes Spiel“ an sich: Diese Kurse bieten einen hohen Mehrwert, da sie weit über bloßes Theaterspielen hinausgehen. So stärken sie die Persönlichkeit, das Selbstbewusstsein und die emotionale Intelligenz der Schülerinnen und Schüler: Durch das Schlüpfen in verschiedene Rollen werden Hemmungen abgebaut, Ängste überwunden und neue Perspektiven eingenommen. Sehr deutlich zeigte sich auch die Bedeutung für Kritisches Denken und Reflexion: Themen wie Mobbing, Rollenerwartungen oder historische Ereignisse werden bearbeitet und reflektiert. Dies fördert eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt und gesellschaftsrelevanten Themen.
Text und Bilder: Traudi Schlitt
